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DIE EWIGEN JAGDGRÜNDE “Briefings”
Hat die Mannschaft auf dem Verwertungshof ganze Arbeit geleistet, bleiben vom einst stolzen Mobil nur noch Erinnerungsfotos aus dem Urlaub in den Schubladen der ehemaligen Eigner, und selten auch einmal der übrig gebliebene Kfz-Brief. Auf Veteranentreffen fallen letztere dann Leuten wie mir in die Hände, die sich aufraffen, zumindest in groben Zügen das automobile Leben nachzuzeichnen. In diesem Abschnitt stelle ich mittels der jeweils zum Brief bzw. Fahrzeug passenden, ausgewerteten Datenkarte, welche Mercedes auf Anfrage kostenlos in Kopie herausgibt, Autos vor, die das Leben auf der Straße hinter sich haben. Außerdem sollen hiermit aber auch gleichzeitig Brief-Einträge gesammelt und bereitgestellt werden, also beispielsweise über nachgerüstete Anhängerkupplungen oder Änderungen an der Bereifung.
Datenkarte und Produktionsauftrag Datenkarte - so sieht sie beispielhaft aus. Produktionsauftrag - wird dann angelegt, wenn die Felder der Datenkarte schon ausgefüllt sind, der Kunde aber noch weitere Extras bestellt hatte. Der Verweis, daß ein Produktionsauftrag existiert, steht auf der Datenkarte in der zweiten Zeile ganz rechts außen.
Briefeinträge Strichacht - auch die späten W108/W109 gehören dazu (die neuen Generationen ab 1968) Strichacht 6.3 - der im März 1968 vorgestellte 300SEL 6.3 besitzt auch dieses Kürzel “Strichneun” - das sind die Fahrzeuge mit den 3.5-Liter-V8 ab September 1969. Nicht im Sprachgebrauch zu finden (im Beispiel: Ein Modell von 1972). “Stricheins” - Fahrzeuge ab Modelljahr 1971 besitzen den Zusatz /1, zumindest in den USA. “Ohne_Zusatz” - frühe Modelle haben keinen Namenszusatz Allgemeine Merkmale 280SEL 3.5 Allgemeine Merkmale 300SEL 6.3 Eintrag über Fahrgeräuschänderung von 1 Phon (!) beim 300 SEb Anhängerkupplung-1 (Fabrikat nicht bekannt) Anhängerkupplung-2 (Briefeintrag über Erhöhung Anhängelast) Anbauanweisung Anhängerkupplung ORIS mit Angabe der allg. Bauartgenehmigungen für Mercedes(nicht öffentlich): Reifenformat 185HR14 auf ARC-LM-Rad Nachträgliche Umrüstung auf Halogen-Leuchteinheiten Ausfuhr deutsches Fahrzeug nach USA
Mercedes 250SE, EZ 26.9.1966Ziemlich genau ein Jahr nach Präsentation der neuen Modellreihe durch Mercedes-Benz bestellte eine Lübecker Käsegroßhandlung einen 250SE, Fahrgestell-Nummer 108.014-10-18239. Was wurde damals konfiguriert? Die Datenkarte verrät es uns: Es ist ein Fahrzeug mit Schaltgetriebe in dunkelgrün 268, Polsterung 005 Stoff beige, elektr. Schiebedach, Servolenkung, Einzelsitze vorn, Sicherheitsgurte, Lenkrad elfenbeinfarbig, Armlehnen vorn, Kokosmatten. Der 250er verließ auf Continental-Reifen die Werkstore, und ungefähr so wird er ausgesehen haben:
Nach fünfeinhalb Jahren wurde das Auto verkauft an einen Kfz-Mechaniker aus Kiel, der das Fahrzeug nach nur einem Jahr ins nahe Umland nach Klausdorf veräußerte. Wiederum nur ein Jahr später, April 1974, erwarb den 250 SE ein Gastwirt aus Kiel. Danach verliert sich die Spur, der Brief gibt über den konkreten Verbleib keine weitergehende Auskunft.
Mercedes 280S, EZ 26.3.1969Dieses Auto ging durch sechs Hände, behielt aber in allen Fällen das Kennzeichen vom Tage der Erstzulassung in Berlin bei. Ob es nun einen Erstbesitzer oder eine Erstbesitzerin gab, ist nicht klar, denn der Vorname im originalen Brief ist sehr schwierig zu identifizieren. Und das, obwohl bei “Beruf, Gewerbe, Stand” der Eintrag “Rundfunk und Fernsehen” lautet - es wäre also mehr als interessant. Bisherige Recherchen blieben erfolglos. Das Auto selbst hat wenig Ausstattung: Außen ist es in Weißgrau lackiert, für den Innenraum wurde roter Stoff gewählt, dazu kommen noch Schiebedach, Automatik, Servolenkung, Kokosmatten, heizbare Heckscheibe, Warnblinkanlage und - ein D-Schild. Hier mußte man (oder Frau) wohl Flagge zeigen, als “Insulaner” in Berlin-West ... Der Zweitbesitzer ist aber eine besondere Persönlichkeit, und zwar ein Professor der FU Berlin im Osteuropa-Institut, auf den diverse Veröffentlichungen zu Philosophie und Gesellschaft in der UdSSR zurückgehen. Unglücklicherweise hat ihm das Auto wohl nicht gefallen, er fuhr diesen 280S nur eineinhalb Jahre. Auch alle weiteren Besitzer gaben ihn schnell wieder ab, wobei nicht bekannt ist, wie lange der letzte Eigner ab 1978 dieses Auto fuhr.
Mercedes 280SE, EZ 27.1.1969Dieser papyrusweiße W108 mit blauem Leder bestellte die BP in Hamburg für ihren Fuhrpark. Schon mit diesem Hinweis vermutet man eine Art “Business-Ausstattung”, und der Blick auf die Datenkarte zeigt es tatsächlich: Viele praktische Dinge sind enthalten, die zum einen die Arbeit des Fahrers unterstützen und zum anderen das Geschäftsleben der Entscheider während einer Reise erträglicher machen sollten. Das Fahrzeug besitzt: Schiebedach, Lenkrad-Automatik und Servolenkung, Fanfare Zweiklang, Warnblinkanlage, Außenspiegel rechts, Halogen- und Nebelleuchten vorn, Armlehnen klappbar bei vorderen Einzelsitzen, Gürtelreifen, Batterie mit größerer Kapazität, Türkontakt Fondtüren, D-Schild, heizbare Heckscheibe, vordere Sitzlehnen mit orthopädischer Unterstützung, Gepäcknetze und Leseleuchten in den C-Säulen. Die Bestellung war in diesem Falle so umfangreich, daß der Platz auf der Datenkarte nicht ausreichte und als Ergänzung das Formular “Produktionsauftrag” angehängt wurde. Der Käufer hatte inkl. der damals gültigen 10% Mehrwertsteuer DM 23.509,20 zu berappen. Dieser 280SE wechselte nach den für Firmenwagen üblichen drei Jahren den Besitzer und blieb noch für zwölf weitere Jahre in Hamburg. Anschließend ging er 1984 nach Henstedt-Ulzburg (Vorort im Norden) in die dritte und letzte Hand.
Mercedes 250S, EZ 23.2.67Ein früher W108 aus dem Westen der Republik, bestellt vom Inhaber eines Nutzfahrzeugbau-Unternehmens in Gelsenkirchen, welches bis heute existiert (Fa. Hönkhaus). Der 250S lief in Havannabraun und mit brauner Stoffausstattung aus den Werkshallen, ein optisches Highlight mag hier höchstens das elfenbeinfarbige Lenkrad gesetzt haben. Die Liste der Sonderausstattung ist kurz: Schiebedach, Automatik, Servolenkung sind dabei, ein Radio allerdings nicht, doch wurden Vorkehrungen zur Nachrüstung getroffen (Entstörung, Antenne mechanisch). Auffallend sind aber die Sicherheitsgurte sowie die orthopädische Fahrersitzlehne. Das Auto wurde sicher auch privat verwendet, denn es bekam nachträglich eine Anhängerkupplung spendiert. Es lief fünf Jahre in erster Hand und kam danach zu einem Handelsvertreter. Vier Jahre später wanderte der Fahrzeugbrief zu einem Kraftfahrer in der Ortschaft Goch.
Mercedes 280SE, EZ 9.2.1970Noch etwas nüchterner ausgestattet, aber fürs Auge sicher gefälliger als der zuvor beschriebene 250S ist dieser 280SE aus dem Februar 1970. Außen zwar “nur” Weiß, aber innen mit der bis heute (oder heute wieder?) attraktiven Ausstattung Stoff Cognac-Karo. Neben elektrischem Schiebedach, Lenkradautomatik und Servolenkung hatte das Fahrzeug Halogen-Haupt- und Nebelscheinwerfer, Kopfstützen vorn und eine heizbare Heckscheibe. Der Brief zeigt eine bewegte Vergangenheit: Sechs Besitzer in zehn Jahren. In erster Hand verweilte der Wagen nur ganze drei Monate, und wechselte danach vom Ingenieur-Verkaufsbüro zu einem Buchdrucker mit eigenem Unternehmen. Elf Monate später stand das Auto bereits in dritter Hand bei einem Steuerberater in der Garage, doch auch dieser trennte sich schon nach eineinhalb Jahren wieder vom weißen 280SE. Zufrieden war erst ein Metzgermeister im Rhein-Neckar-Kreis, der ihn fünf Jahre fuhr. Was dieser danach lenkte, bleibt im Dunkeln; es würde niemanden wundern, wenn er den W108 gegen einen W116 eintauschte ... Nach einer weiteren Station in Mühlhausen landete der 280SE im Jahre 1980 bei einem Blumenhändler, und wie lange “er” es nun noch machte, ist nicht bekannt.
Mercedes 280SEL 3.5, EZ 3.2.1972Ein Auto in teilweise erstaunlicher Ausstattung und Konfiguration! Bestellt von einem italienischen Textil-Händler und ausgeliefert nur ein halbes Jahr vor Einstellung des Modells wird dieser V8 ganz sicher vielen Nürnbergern aufgefallen sein, denn er war, entgegen allen Stuttgarter Konventionen bei Zweifarblackierungen, unten dunkel (Schwarz) und oben hell (Weiß) lackiert. Dazu kamen eine graue Velours-Ausstattung, sowie Colorglas. Aber das ist noch nicht alles an Äußerlichkeit, denn der kräftige Achtzylinder rollte zusätzlich auf Phönix-Weißwandreifen. Ein Detail blieb ihm aber versagt: Das Typenkennzeichen entfiel, auf dem Kofferaumdeckel wies nichts auf die Motorisierung hin. Die restlichen Extras sind in der Zusammenstellung nicht minder interessant: Schiebedach, Lenkradautomatik, Zweiklang-Fanfare, Nebelschlußleuchte, Zentralverriegelung, Kopfstützen rundum, Sperrdifferential, Verbandskasten, Elektrische Fensterheber vorn und hinten, Halogenleuchten und Nebelschluß. Auf musikalische Unterstützung legte der erste Eigner weniger wert, es kam das damals kleinste Modell Becker Europa in den Ausschnitt des Armaturenbretts, doch schon mit automatischer Antenne und Lautsprechern auch im Fond. Mit vergrößertem Wärmetauscher und Batterie belief sich 1972 der Kaufpreis auf stolze 32.000 D-Mark. Ein luftgefederter W109 in gleicher Ausstattung wäre etwa 3.500 Mark teurer gekommen, doch warum der Erstbesteller die Stahlfederung vorzog, bleibt ein Gehemnis; die finanzielle Seite wird sicher nicht entscheidend gewesen sein. 1976 erhielt das Auto noch eine Umrüstung auf 205er-V-Reifen, welche dann natürlich auch im Brief eingetragen wurde. Nach acht Jahren ging das Fahrzeug in zweite Hand, zu einer damals 25jährigen Frau mit Vornamen “Rosa”. Doch schon einen Monat später meldete wohl ihr Ehemann den Wagen erneut um. Was für diese Vorgehensweise die Ursache ist und was danach passierte, läßt sich anhand des Briefes nicht weiter verfolgen.
Mercedes 250S, EZ 15.11.1965Bei diesem 250S in Weiß mit brauner Stoffausstattung handelt es sich um eines der frühesten Exemplare überhaupt - Erstzulassung November 1965, Fahrgestell-Endnummer 770! Der Erstbesitzer war ein Frauenarzt aus Kleve, welcher zwar ein Modell der gehobenen Klasse fahren wollte, aber anscheinend sehr kostenbewußt war. Die einzigen teueren Extras waren die Servolenkung und das elektrische Schiebedach; in Lackierung und Polsterung wurde nichts zusätzlich investiert. Das Lenkrad in elfenbein war an Bord, wurde damals aber wahlweise und ohne Aufpreis angeboten. Genau wie dem oben beschriebenen 250S vom Februar 1967 verzichtete der Besteller auch hier auf den Einbau eines Becker-Radios - zu teuer. Er zahlte nur für Entstörung und die mechanische Antenne. Auffällig ist außerdem, daß hier einmal kein Automatik-Getriebe geordert wurde. Dieser 250S besitzt ein Viergang-Schaltgetriebe, und fuhr auf Diagonal-Reifen. Nach sechs Jahren wechselte der Einstiegs-W108 in die zweite Hand eines Fahrzeugbauingenieurs, blieb dabei aber immer noch in Kleve. 1977, also zwölf Jahre nach Erstzulassung, meldete man den 250S ab. Mehr gibt es nicht zu berichten.
Mercedes 300SEL 3.5, EZ 4.9.1970Ein Firmenwagen der Iduna-Versicherungsgruppe in Hamburg. Äußerlich ganz klar ein “Business”-Auto, Lackierung in schwarz mit Velourausstattung grau, dazu Colorglas. Für Understatement sorgte der Entfall des Typenkennzeichens. Neben der sowieso reichlicheren W109-Ausstattung besitzt dieses Auto eine Vielzahl weiterer Extras wie Klimaanlage (ohne Schiebedach), Leseleuchten und eine heizbare Heckscheibe. Dazu wurde alles für den nachträglichen Radioeinbau vorgesehen, also Entstörung, Lautsprecher im Fond und eine automatische Antenne finden sich auf der Bestellung. Anscheinend war aber auch der Versicherungsgesellschaft die originalen Becker-Radios von Mercedes-Benz zu teuer, ab Werk kam das Auto mit leerem Radioschacht. Dafür gab es als Ausgleich eine orthopädische Fahrerlehne, Sitzhöhenverstellung auf Beifahrerseite, Gürtelreifen, größere Batterie und Wärmetauscher sowie vorn das 6.3er-Halogen-Kühlergesicht. Ganz sicher waren weitere Extras an Bord (sehr wahrscheinlich Kopfstützen und Sicherheitsgurte), doch ist zu dieser Datenkarte der angehängte Produktionsauftrag nicht mehr erhalten. Das Fahrzeug sah insgesamt sechs Besitzer, die zweite Hand war dabei ein 49jähriger Ingenieur aus Winsen-Luhe bei Hamburg, der auf 205er Reifen umrüsten ließ. Ab der vierten Hand saßen nur noch “Jungspunde” am Steuer, der Eigener von 1978 war 27 Jahre alt und behielt den langen 3.5 sechs Monate. Die fünfte Hand war beim Kauf gerade einmal 23 und übergab das Auto schon ein Vierteljahr danach an einen damals 21jährigen Hamburger. Auf die nächste Abmeldung mußte der schwarze 109er nicht lange warten - bereits acht Wochen später, im Oktober 1979, war es soweit.
Mercedes 280S, EZ 19.10.1970Ein praktisch in allen Belangen unspektakuläres Fahrzeug - die weiße Lackierung wurde ergänzt um eine rote Stoffausstattung. Die Erstbesitzer, Betreiber einer Tanzschule in Koblenz, orderten nur noch eine Handvoll Extras: Stahlschiebedach, Servolenkung, Kopfstützen vorn sowie eine heizbare Heckscheibe. Dazu gab es dann das “6.3er Kühlergesicht”, also die Bosch-Halogenlampen als Sonderausstattung direkt ab Werk. Das Fahrzeug wurde natürlich auch in Koblenz zugelassen, kam sechs Jahre später nach Bonn zu einem laut Fahrzeugbrief “Verkaufsförderer” - war dies etwa eine Art Handlungsreisender für Waschmittel, Staubsauger oder Putzmittel? Nach nur einem Jahr gab dieser den Wagen an einen Zimmermann, der ihn von 1977 bis zum 28. September 1984 fuhr; somit erreichte das Auto ein belegbares Alter von 14 Jahren.
Mercedes 250SE, EZ 17.10.1967Weitaus mehr Schicksalsschläge trafen diesen 250er, ebenfalls in Weiß, allerdings mit beigefarbener Stofffausstattung. Der in Usingen / Hessen beheimatete Käufer bestellte ein (kostenloses) elfenbeinfarbiges Lenkrad, Stahlschiebedach, Automatik mit Lenkradschaltung und wie selbstverständlich eine Servolenkung. Ein Radio findet sich nicht, dafür aber schon die Entstörung sowie eine automatische Antenne als vorbereitende Maßnahmen. Äußerlich verhübscht wurde dieser W108 durch Colorglas. Der Fahrzeugbrief weist den Erstbesitzer als Baudekorator aus, der sicherlich von eher korpulenter Erscheinung war, da er auch noch einen verstärkten Fahrersitz wollte. Erstaunlich dagegen die Erkenntnis, daß dieses Auto bereits nach nur einem Jahr in die zweite Hand abgegeben wurde. In dieser verweilte der 250SE für drei Jahre, und kam dann zu einem Gastwirt nach Limburg, doch bereits nach 22 Monaten überging das Auto in den Besitz eines Rentners. Interessanterweise sind noch wenige Notizen im Kfz-Brief beigelegt, die aufzeigen, daß das Auto mit einem Kilometerstand von 112.000 einen Austauschmotor bekam, und bis zu einem Unfall noch die Zahlenfolge 164.000 auf der Uhr erleben wird. Diese Bestätigung über ATM und Unfall ist vom Letzteigner auf Februar 1979 datiert, wobei allerdings die Abmeldung bereits im Dezember 1978 erfolgte.
Mercedes 250S, EZ 12.11.1965Und noch ein ganz frühes Modell (s.o.), es besaß die Endziffern der Motornummer 633. Dieser 250S in 268 Grün hatte eine Stoffausstattung in Beige und stand auf Continental-Diagonalreifen. In der Liste der Extras gibt es nur ein Stahlschiebedach sowie eine orthopädische Fahrerlehne - Optionen wie die Mittelschaltung für 4-Gang-Getriebe und auch das elfenbeinfarbige Lenkrad waren kostenlos. Nicht einmal für eine Radiovorbereitung, oder gar die Servolenkung, zückte der Käufer nochmals die Brieftasche. Doch ist der Blick in den Kraftfahrzeugbrief trotzdem aufschlußreich, und zwar bezüglich des “Schichtenmodells” der sechs Käuferhände: Von Geburt an war der 250S Firmenwagen einer Lackfabrik, geriet nach vier Jahren Betrieb in die Hände eines kaufmännischen Angestellten, nach weiteren drei Jahren zu einem Architekten, kam darauf zu einem Wirt und im Anschluß daran, nach genau zehn Jahren, zu einem Schrotthandel. Doch dies war nicht das Ende: Ein Chemielaborant erbarmte sich und kaufte ihn. Wie lange der 250S dann noch gefahren wurde, läßt sich aus den Unterlagen nicht mehr nachvollziehen, da die endgültige Stillegung nicht dokumentiert ist.
Mercedes 280S, EZ 26.04.1972Bei diesem Fahrzeug handelt es sich wieder um etwas ganz Besonderes: Ein Auto des Generalvikariats aus dem Fuhrpark vom Erzbistum Köln. Zweifelsfrei unauffällig kam der Wagen daher: Zum Lack 173 Anthrazitgrau orderte man eine graue Stoffausstattung. Die Sichtung der Codes auf der Datenkarte verraten eindeutig, daß es sich um ein Chaffeurwagen gehandelt haben muß, obwohl statt Automatik ein mechanisches Getriebe an Bord war, denn vieles war für Annehmlichkeiten der Passagiere gedacht: Klimaanlage, Leseleuchten im Fond und ein vergleichsweise luxuriöses, da teures, Becker Grand Prix “Soundsystem”. Trotz Klima gab es ein Stahlschiebedach, Servolenkung, einen rechten Außenspiegel, vier Sicherheitsgurte und Kopfstützen in gleicher Zahl, eine heizbare Heckscheibe, verstärkten Fahrersitz, eine größere Batterie und einen Feuerlöscher; Sicherheit wurde somit groß geschrieben, dies unterstreicht auch die Nebelwarnleuchte. Damit enden die Besonderheiten aber noch nicht, denn den erzkatholische 280S hatte das Generalvikariat nach vier Jahren beim Daimler in Zahlung gegeben, mit einer ausgewiesenen Fahrleistung von 116.000 Kilometern, entsprechend 29.000 km im Jahr. Das Auto erlebte nur drei Hände (Besitzer), fuhr allerdings noch bis 1982 in Bergisch-Gladbach; die letzten fünf Jahre von einer Frau gefahren. Der vorliegende Fahrzeugbrief zeigt allerdings, daß es dieses Auto sicherlich nicht mehr gibt, es wäre eine Bereichung der heutigen Szene gewesen.
Mercedes 300SEL 6.3, EZ 11.02.1970Ein Architekturbüro aus Oberursel/Taunus bestellte diesen silbergrauen 6.3 mit schwarzem Leder, der im Brief nachweislich den Zusatz /8 trägt. W109 haben serienmäßig eine erweiterte Ausstattung wie etwa elektrische Fensterheber, Servolenkung oder Zentralverriegelung, sodaß die Datenkarte erwartungsgemäß wenige zusätzliche Einträge aufweist: Nur Schiebedach, Einzelsitze vorn (also keine durchgehende Sitzbank) und Colorglas mit heizbarer Heckscheibe wurden notiert. Das Auto stand ab Werk auf teuren Dunlop Niederquerschnittsreifen für eine Höchstgeschwindigkeit von laut Briefeintrag 220 km/h. Das Modell 300SEL 6.3 wurde Mitte März 1968 in Genf präsentiert, jedoch erteilte das Kraftfahrt-Bundesamt erst Ende April des gleichen Jahres die Allgemeine Betriebserlaubnis (ABE). Zehn Jahre bewegten die Architekten das Auto, welches dann in 2. Hand zu einer Fr. Scholz aus Dietzenbach kam - zum Anmeldezeitpunkt gerade einmal 24 Jahre alt! Kaum acht Monate später übernahm die 3. Hand, ein Meß- und Regelungstechniker aus Eppstein/Taunus, und schon ein Jahr später wechselte der Besitzer erneut: Nun stand der 6.3 in Kronberg/Taunus, angemeldet für ganze acht Monate, denn der zulassungstechnische Schlußstrich wurde im März 1982 gezogen - Abmeldung ohne dokumentierte Anmeldung. Die Fahrgestellnummer dieses 6.3 war 3802.
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