DA WO DER GOLF TANZT
 

Daimler-Day in der Autostadt Wolfsburg


Die zwanglose Zusammenkunft der nördlichen VdHler auf der Bremen Classic Motorshow war eine schöne Sache, also warum für März 2004 nicht gleich den nächsten Event planen? Auf dem Rückweg erinnerte ich mich an einen W126, der mir einmal mit einem "Volkswagen"-Emblem rechts hinten auffiel, damit war die Zielfindung auch schon beendet: Benz+Volkswagen=Daimler-Day in der Autostadt.

 

Rom, die Sonne brennt - aber nicht in Niedersachsen. Noch drei Tage, dann wollen über 50 gemeldete Sterne den Parkplatz am Servicehaus der Autostadt besetzen, doch die Aussichten auf verträgliches Wetter sind verschwindend; Kachelmann&Co schütteln kontinuierlich den Kopf. Samstag: Kräftige Schauer mit Windstärke elf - das wars wohl, Besucherrekord ausgeschlossen. Dann der Sonntag: Kalt, viel Wind, aber vereinzelt Sonnenschein und recht trocken, uff. Und so blieb es bis zum frühen Abend.

Als die Hannoveraner und Hamburger im Konvoi eintrafen, waren die Berliner schon da. Geplant als inoffizielles, markenbezogenes, aber clubübergreifendes Treffen kamen neben VdH und MVC auch Mitglieder vom 123-, 116- und Pagodenclub. Noch jemand? Sorry, hatte nicht alle persönlich interviewen können. 30 Autos machten sich an diesem Tage dann doch noch auf dem Parkplatz breit, vom 53er 170DS über 230SL, einen ganzen Sack voller 108er (inklusive langem 4.5er), 116er bis zu W123 300TDT und 560TE.

Was stellt nun eigentlich die Autostadt dar? Eröffnet zur Expo 2000 ist sie charakterisierbar als eine Art "mehrdimensionaler" Erlebnispark, nicht nur für freudestrahlende Neuwagen-Abholer, sondern für alle mit Interesse an automobiler Kultur. Jede Marke der Volkswagen-Gruppe ist mit einem eigenen Pavillon berücksichtigt, in dem jeweils der zeitlichen Weg sowie die Ausrichtung der Marke nachgezeichnet wird. Die Abteilung "Lamborghini" wurde von allen Beteiligten aber als dürftig empfunden: Ein einziges Exponat auf einer Drehscheibe befestigt, optisch eingehüllt von Laserlicht und Nebel, akustisch ohrenbetäubend in Szene gesetzt entsprach nicht den Erwartungen der Betrachter. Damit wird man der Marke irgendwie nicht gerecht.

Die Betreiber selbst sehen die Autostadt als einen Ort, der über diverse Erlebnisangebote das Thema Mobilität "erfahrbar" macht; eingebettet in moderne Architektur und verbunden mit einer Parklandschaft auf einer Grundfäche von ca. 25 Hektar. Die Autostadt ist für die Region weit über Wolfsburg hinaus auch ein kulturelles Zentrum mit diversen Angeboten wie Filmnächte, Tanztheater und vieles andere. Für die Errichtung der Anlage inklusive des 5-Sterne Ritz-Carlton-Hotels wurden 430 Millionen Euro in die Hand genommen. Die Autostadt verfügt außerdem über sieben Restaurants und ist für einen täglichen Strom bis maximal 25.000 Besucher ausgelegt.

Eine "Bullyparaden-Singularität" mit zeitgenössischer Werbung, heute fast auffälliger denn je

In diesem Zusammenhang sei erwähnt, daß die Weiterleitung des Internet-Aufrufes zum "Daimler-Day" über unbekannte Kanäle zur örtlichen Tageszeitung für gewisse Aufregung sorgte. Redakteure kürzten den Ur-Text - aber nicht sinngemäß, so daß der Eindruck entstand, an diesem Sonntag wäre die Autostadt ausschließlich für die zusammengetrommelten Daimler-Fahrer geöffnet.

Ein Schwerpunkt für uns Benzfahrer war natürlich das Zeithaus, eine umfangreiche Sammlung klassischer Karossen vieler Hersteller (und nicht nur VW) sowie aller Epochen, beginnend tatsächlich mit dem Benz-Dreirad. Man gibt sich hier aber mehr Mühe als in bekannten Museen, soll heißen: die Exponate sind nicht einfach nur mit technischen Daten auf einem DIN A4-Blatt beschrieben. Das Zeithaus ist thematisch gegliedert nach Wirtschaftswunderzeit, Entwicklung Industrieproduktion usw. und wird damit schon dem Anspruch gerecht, eher die Mobilität als umfassendes Thema mit vielfältigen Teilaspekten in den Vordergrund zu stellen. Die Objekte des Zeithauses sind qualitativ wirklich hochwertige Exemplare, was aber nicht gleichzeitig "hochwertige" Preise bedeuten soll, also alleinige Wirkung des Ausstellungsstückes durch den geschätzten, potenziellen Kaufpreis.

Der Millionste Käfer - in Ikonengold! 20.529.464 weitere sollten noch gebaut werden.

Als Goodie, sozusagen als Extra für diesen Tag, realisierte der Wolfsburger Ansprechpartner Joachim Eichmann einen einstündigen, fundierten technischen Vortrag, hier konkret die Entwicklungsgeschichte des Dieselmotors sowie Tips&Tricks für die Praxis. Durchgeführt von Herrn Gödecke, ehemals Berufsschullehrer und nun Mitarbeiter der Autostadt, mußten natürlich die angereisten Daimler-Eigner als hellwaches Auditorium eingeschätzt werden, die keine Gelegenheit auslassen würden, bei aus ihrer Sicht unscharfen Erläuterungen das Wort zu ergreifen.

Genauso kam es dann auch, gestandene Vollrestaurierer wie R., H.W. und andere faßten nach, hinterfragten und ergänzten die Ausführungen, meist um Daimler-Spezifisches. Der Bogen spannte sich inhaltlich bis zu neuesten Entwicklungen wie On-Board-Diagnose-Systeme. Verbessernde Vorschläge von seiten der Zuhörer wie die Einführung von 55-Watt-Kontrolleuchten im Armaturenbrett für aktivierte Nebelschlußleuchten wurden allerdings nicht weiter verfolgt.

Die Eingangshalle im Service-Haus der Autostadt in Wolfsburg.

In Summe von allen positiv bewertet für eine Tagesetappe, ist die Autostadt in Wolfsburg auf jeden Fall eine Reise wert; sie ist inhaltlich allerdings für Kenner nicht tagfüllend. Doch gleiches gilt schließlich auch für das Stuttgarter Heimat-Museum, sofern man keinen Zugang zu den Katakomben hat.

Einer Beobachtung zur Folge soll sich eine japanische Reisegruppe schenkelklopfend darüber amüsiert haben, daß an diesem Sonntag im März so viele Mercedes den Eingangsbereich der Autostadt okkupierten. Ob sie die Präsentation der herrschaftlichen Karossen direkt im Herzen von Wolfsburg als eine Art "D-Day" interpretierten, blieb leider im Verborgenen - wer kann schon japanisch?

 

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