EINEN TAG ARBEIT FÜR EINEN AUGENBLICK
 

Zehn Sekunden für die Ewigkeit

Das Jahr 2005 ist für Fans der S-Klasse von Mercedes-Benz doppelt interessant: Auf der IAA wird offiziell das neueste Modell vorgestellt, und in den historischen Rückspiegel geblickt feiert die Reihe W108 ihr 40jähriges Jubiläum. Für einen Kurzfilm zur Frankfurter Messe fahndete die Stuttgarter Marketing-Abteilung nach einem passenden Objekt. Der Aufruf über das vdh-Forum in der ersten August-Woche, gerade einmal acht Tage vor Drehbeginn, führte tatsächlich zum Erfolg - die Wahl fiel auf den W108 der Sterntwiete.

Der Dreh

Man erwartete ein Fahrzeug in gutem bis sehr gutem Zustand. Über das Museum stand nur eines in Beige metallic bereit, das Drehbuch schrieb aber weiße oder dunkelblaue Lackierung vor. Den Aufruf im vdh-Forum hatten ca. 200 Mitglieder zur Kenntnis genommen; ich stellte meinen W108 in 904 vor mit dem Hinweis, daß man dem 280er seine 341.000 km auf der Straße bei kurzem Betrachtungsabstand sehr wohl anmerkt. Falls sie keinen besseren finden sollten, könnten sie gern auf mich zurückkommen.

Ein unrestaurierter Mercedes 280SE im Alter von 35 Jahren - noch passabel für einen Filmauftritt vor kritischem Publikum?

Bereits einen Tag später kam die Zusage; die Würfel wären gefallen, die Bilder auf meiner Homepage hätten überzeugt. Sofort war Großreinemachen angesagt, aber genau dabei kamen mir Zweifel - die diversen kleinen Dellen wirkten irgendwie auffälliger als früher, die Gummileisten der Stoßstangen ausgefranster als sonst. Die von mir sonst völlig ignorierten matten Lackflächen hier und dort taten sich jetzt optisch besonders hervor, von der minimal helleren Fahrertür und der dunkleren Kofferraumhaube erst gar nicht zu sprechen. Für einen Tatort-Krimi wäre es egal.

Zu diesem frühen Zeitpunkt hatte ich wenig Kenntnis davon, welche Ansichten genau von meinem 108er im Film auftauchen sollten. Nach längerem Überlegen sagte ich per Mail ab mit dem Hinweis, daß sie eine Anfrage an einen hamburgischen Händler stellen sollten, der zwei absolute W108-Topmodelle im Showroom besaß; ein Wechsel in der automobilen Statistenrolle wäre somit ohne Zeitverzögerung problemlos machbar. Parallel kontaktierte ich vdh-Mitglieder in Berlin, weil ich wußte, daß dort ein guter dunkelblauer 108 verfügbar war, aber halt nicht jeder Hauptstädter ins Forum schaut. Allerdings konnte hier zeitnah nichts arrangiert werden.

Die Filmproduktion meldete sich prompt noch am Sonntag, was denn das Problem sei, ihnen hätte mein Auto gefallen. Ich sendete frische Digitalfotos, und erntete erneut Zustimmung. Nun denn, so sei es, das Risiko lag jetzt auf seiten der Filmemacher - dachte ich zu diesem Zeitpunkt. Daß ein perfekter Zustand zwar gefordert, aber eigentlich gar nicht erforderlich war, sollte ich erst am Drehort feststellen. Mittwoch sollte das Auto abgeholt werden, Donnerstag war Drehtag. Auf meine Frage, wieviele W108-Besitzer sich überhaupt gemeldet hatten, kam die Antwort: "Zwei". Die gleiche Anzahl von Tagen vor der Abgabe platzte übrigens noch ein Kühlerschlauch - Aufregung vor wichtigen Auftritten quittiert mein Auto also mit Symptomen der Inkontinenz. Wer sagt da noch, Autos hätten keine Seele?

Dann drei Stunden vor Countdown: Wurde irgendwas übersehen? Mir fiel es wie Schuppen aus den Haaren: "Europäische Ausführung" des Fahrzeugs war Pflicht! Also ohne meine US-Blinkleuchten. Ok, jetzt keine Überraschungen mehr für die Film-Crew, Umbau war angesagt. Als der angekündigte Transporter die schmale Straße vor meiner Haustür belegt, war alles im Lot.

Ein entfernter Nachfahre des Renntransporters, der zuvor einen Blitzen-Benz nach England transportierte.

Für den Drei-Tage-Dreh hatte sich man sich das Bundesland "Mc-Pomm" ausgesucht, man wollte einen skandinavischen Touch im Film, aber nicht wirklich so weit fahren. In Niendorf auf der Insel Poel, nur wenige Kilometer nördlich von Wismar, wurde man am zweiten Drehtag auf einem passenden Gutshof seßhaft, zumindest am Donnerstag im Zeitfenster von 6 bis 20h. Davor besetzte man Locations in Rostock, danach noch in Berlin und der Uckermark.

Filmleute sind eine ganz besondere Spezies: Sie kommen mit diversen Lastwagen, einer großen Menge Equipment in verschrammten Metall-Koffern und wissen instinktiv, daß man sowieso alles möglich macht, um ihre Forderungen zu erfüllen. Beim Auspacken wird kaum gesprochen, jeder weiß genau, was zu tun ist, und es wird absolut alles mitgebracht. Es gab sogar einen Still-Life-Fotografen, der mir später seine am Set entstandenen Bilder hat zukommen lassen. Die Abgebrühtesten im Filmgeschäft sind die Produzenten (die auf die Uhr und das Ergebnis schauen) sowie die Regisseure (die für den Inhalt verantwortlich zeichnen). Aber: Sie sind ohne Ausnahme freundlich, zuvorkommend und lassen sich nie Streß anmerken.

Typisch für "Movie-Maker": Flächendeckendes Ausbreiten des Equipments mit temporären Besitzanspruch auf die gesamte Lokation. Für die Scheunenszenerie am Tor war der Sonnenstand entscheidend.

Richtig anstrengend war es für den Gutsbesitzer Hans-Joachim L.: "Ein Raum im Wohnhaus wurde zur Maske umfunktioniert. Auch gefiel weder der Briefkasten noch die Laterne am Hauseingang, beides wurde kurzerhand abgebaut." Klingt, als reichte man den Finger und die andere Seite nähme gleich die Hand? "Es war eher der ganze Arm", ergänzt er. Selbst die Namensschilder an der Klingel wurden überklebt, um der Story gerecht zu werden.

W108 mit Ausstattungspaket "Undercover" - für eine Enthüllungsgeschichte im stillen, großen Kämmerlein.

Wie sich herausstellte, sollte von den beiden angeforderten Autos, einem W108 und einem silbernen W126, nur eines im Film auftauchen. Man wollte direkt vor Ort entscheiden, was besser in die Szenerie paßt; die externe Filmproduktion hatte sich hier die Option für eine optimale Entscheidung vorbehalten. Mir fiel es erst hinterher auf in Feinheiten der Wortwahl, man sprach immer in allgemeiner Form von "der Rolle des historischen Fahrzeugs".

Der Mann hat recht, wenn er an der Authentizität dieses Scheunenfundes zweifelt - das Auto ist viel zu sauber. Das üben wir nochmal ...

Die Entscheidung fiel nach kurzem Szene-Wirkungstest pro W108. Der Einsatz erfolgte übrigens ausschließlich als "Standzeug" in einer großen Scheune, unter einer staubigen Plane, die vom Hauptdarsteller (einem britischen Schauspieler) weggezogen wird, um einen Blick ins Fahrzeug werfen zu können. Es sollte die Atmosphäre eines Wieder-Entdeckens, mit Erinnerungen an lang zurückliegende Zeiten, herauskommen.

So sieht es einigermaßen glaubwürdig aus.

Alles wurde bei dramatischem Gegenlicht in der Nachmittagssonne auf Celluloid gebannt. Diese Einstellung dauerte nur ca. zehn Sekunden, doch dafür arbeitete man über eine Stunde; am Drehplatz wurden außer dieser natürlich noch weitere Szenen gefilmt. Zwanzig Personen waren vor Ort, aber das war nur scheinbar die ganze Mannschaft, denn der Spot sollte um die fünf Minuten laufen und vorrangig Fahrszenen der neuen S-Klasse zeigen. Dazu waren zwei Teams auf der Insel unterwegs, mit einem Personalaufwand von insgesamt 60 Personen. Was so ein Drehtag kostet, wollte man mir aber nicht verraten. Einer der drei W221 ist ein normaler Werkswagen, die zwei anderen Exemplare stehen allgemein für Shooting-Aufgaben (Prospekte und Werbespots) bereit. Meine Tage später abgesetzte naive Frage, ob denn diese Fahrzeuge mittelfristig verschrottet würden, weil ja jeder Mercedes-Fan inzwischen weiß, daß keine der besonderen Vorserien-Autos aus Sindelfingen mehr in den freien Handel gelangen sollen, wurde in einer Mail vehement mit mehrfachen Ausrufezeichen verneint.

Der Plot ist übrigens eine Wiedersehensgeschichte zwischen Vater und Sohn, nach einem Abbruch der persönlichen Beziehung vor 20 Jahren. Heute beide Besitzer einer S-Klasse, aber - natürlich - unterschiedlicher Epochen. "Verschiedene Generationen haben unterschiedliche Weltanschauungen; die grundlegenden Wertbegriffe aber bleiben gleich und sind beständig über verschiedene Generationen", verlautete es ein paar Tage später nach meiner Rückfrage aus Kreisen der Produktion. Die S-Klasse von Mercedes-Benz mit ihrer jahrzehntealten Tradition wäre hierbei das Medium, mit dem sich Vater und Sohn über diese Wertbegriffe verständigen und wieder zueinander finden würden.

Die neue S-Klasse mit Navigation, Abstandsradar, Nachtsichtgerät, fahrdynamischen Mulitkontursitzen und zentraler Funktionssteuerung über COMAND-System. Die "Alte-S-Klasse" dagegen fast frei von jeglicher Elektronik mit mechanischer Einspritzung und hydropneumatisierter Pendelachse.

Im Team hatte sich herumgesprochen, daß ich im Vorfeld Zweifel über die filmreifen Qualitäten meines Autos äußerte. Darauf der Aufnahmeleiter am Drehort: "Also, falls Ihnen das Auto nicht mehr gefällt ..."

Die Messe

Dann der tatsächliche Messeauftritt zur IAA im September 2005 - DaimlerChrysler belegt wie üblich die Halle 2, in der auch die neue R-Klasse ausgestellt wurde und auf großes Interesse stieß. Darüber hinaus machte der neue 6.3-Liter-V8 Furore; Mercedes folgte anderen Herstellern und stellte damit ebenfalls einen Motor vor, dem ein Hochdrehzahlkonzept zu Grunde liegt.

Der imposante Eingang zum DaimlerChrysler-Messestand auf der IAA 2005.

Neben Mercedes findet sich in dieser Halle auch Maybach, inklusive des Prototypen Exelero genannt. Über diesen Objekten im Erdgeschoß wird ein Stockwerk darüber dann die neue S-Klasse, Typenbezeichnung W221 präsentiert. Mehrere Modelle stehen für die Besucher bereit zum Probesitzen. Was wohl jeder “Einsteiger” dort ausprobierte, war die elektrische Sitzverstellung - hoffen wir mal, daß das System zuvor schon ausgiebig getestet worden ist, es gab nämlich zehntägigen Dauerstreß.

Der Rummel im Obergeschoß der Halle 2

Immer schön hinten anstellen - der neue W221. Das Metallic-Rot steht der Karosse besonders gut.

Jetzt kam der große Moment - was wird rüberkommen im Film? Doch der erwartet größere schmolz dann zu einem sehr kleinen - egal, so etwas sieht man sportlich. Und falls sich jemand aus der Leserschaft dieses Textes eine gewisse Frage stellt - nein, es gab keine spezielle Aufwandsentschädigung.

 

Backstage - Lights off

Vorhang zu, und alle Fragen geklärt? Noch nicht ganz. Mich interessierte abschließend, weshalb in einer Vorauswahl auf W126 oder W108 fokussiert wurde, und die Filmemacher erläuterten die Entscheidung für den letzteren: "Daß wir den W108 gewählt haben, ist nicht nur reine Geschmackssache. Der Wagen vermittelt noch etwas mehr [als andere S-Modelle] das Gefühl ‚aus der guten alten Zeit' zu stammen. Für viele Konsumenten ist der W108 die eigentliche Ur-Version aller nachfolgenden S-Klasse-Limousinen. Fahrzeugdesign, und speziell die vielen Chromteile sowie der lichte Innenraum, mit soliden Materialien ausgestattet, strahlen Eleganz und Großzügigkeit aus. Das historische Fahrzeug [im Film], in diesem Fall der W108, ist Symbol für bleibende elementare Werte; das, was Vater und Sohn schon immer gleich faszinierend fanden." Ein schönes Kompliment - und ist nicht vieles davon auch gleichzeitig gültig für alle anderen Mercedes-Modelle der 60er?

 

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