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MY CAR IS MY CASTLE Der W108 der Sterntwiete
Prägungen und InnenansichtenWarum ich mich so sehr in mehrrädrige Blechkisten verguckt habe, blieb mir trotz aller inneren Reflexionen bisher verborgen - vielleicht war es ein Sturz ins hochoktanige Benzinfaß? Jedenfalls staunte ich schon sehr früh über die pferdelosen Kutschen und konnte Was schon der 71er Benz-Prospekt prophezeit, gilt für mich noch heute: “Von Monat zu Monat entdecken immer mehr anspruchsvolle Autofahrer in den 280ern Der allererste W108, der mich nachdenklich machte, war ein silbergraues Modell mit Halogenscheinwerfern, grauer Veloursausstattung und Colorglas bei einem Ford-Händler in Kiel. Der zweite, den ich mir monatelang immer wieder angesehen habe, trug die Initialen 280 SE 3.5 und dunkelroten Lack des Typs DB 542, hatte eine blaue Stoffausstattung und wartete geduldig im Schauraum eines Renault-Händlers in Schleswig auf einen neuen Eigner. Bei Nummer drei in der Klasse der in die engere Wahl gezogenen Modelle handelte es sich um einen schwedischen 280 SE 3.5 in Beige metallic mit schwarzem Velours in Hamburg. Der erste selbstgelenkte W108 war dann ein 280 SE mit Standort Saarbrücken in der von mir gern gesehenen Lackierung Hellelfenbein 670; innen gab es Kunstleder rot. Unglücklicherweise parkte das Fahrzeug seit Jahren auf einer Rasenfläche des Hinterhofes - das “bißchen Flugrost untenrum” war absolutes K.O.-Kriterium gegen das Auto. So, warum nun genau einen W108? Der Blick auf die Haube ist hier immer wieder ein Genuß, der Stern scheint dort noch zu thronen, im Gegensatz zu den aktuellen Modellen aus dem Hause Mercedes, bei denen man kaum das ganze Markensymbol erkennen kann, so tief verbeugt sich der Three Pointed Star vor den anderen Verkehrsteilnehmern. Die noch anzutreffende Detailverliebtheit mit Chromringen um die Instrumente sind es ebenso, das Nadelstreifen-Design der Ziffernblätter findet sich sogar auf der Frontblende des Becker-Radios. Die Schmetterlingsscheibenwischer, die Lufthutze unter der Frontscheibe, doppelte Chromstoßstangen; und das Armaturenbrett, das noch als ein solches im ursprünglichen Wortsinn zu erkennen ist. Dann das Kühlergesicht - ein erhabener Blick scheint hier über die Straße zu schweifen. Und dies alles ohne Effekthascherei, welche sowieso nach kurzer Zeit langweilen und ins Nirwana verpuffen würde. Bei dem W108 der Sterntwiete nun handelt es sich um einen 280SE W108.018 mit Motor M130.980 (160 PS und Einspritzung) sowie dem modellgepflegten Automatikgetriebe K4C 025, welche im Gegensatz zu Modellen vor Mai Dieser 108 war bisher noch nicht im Ausland unterwegs, und aufgrund diversen Blechteileersatzes an der Karosse rühren farbliche Ungleichmäßigkeiten der Lackierung. Die bereits angesprochene Datenkarte verweist auf folgende Ausstattungsmerkmale ab Werk: |
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Was bedeutet nun diese Vergleichsrechnung? Zu diesem Kaufpreis bekommt man heute Modelle der gehobenen Mittelklasse, aber nicht mehr der Oberklasse, wobei zu berücksichtigen ist, daß die aktuell zu erwerbenden Fahrzeuge dieser Kategorie eine deutlich bessere Ausstattung besitzen und natürlich vor allem leistungsfähiger sind. Die Summe der Sonderausstattungen in Höhe von ca. 5.000,- DM stellt gleichzeitig den Kaufpreis eines fabrikneuen VW Käfers der zeitgenössischen Modellpalette dar. Hier noch etwas mehr trockene Statistik: |
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Weissagungen aus den 60ern und 70ernNeben diesem Strukturdatenvergleich einer Zeitspanne von 30 Jahren ist es auch interessant, einen Blick auf die damaligen Zukunftsaussichten zu werfen: Was wurde zu Beginn der 70er als Trend erkannt? Wie sollte die Entwicklung, im Kleinen oder im Großen, vermutlich voranschreiten? Je weiter der Zeitpunkt entfernt liegt, über den eine Voraussage gemacht werden soll, desto weniger detailreich kann dieses naturgemäß erfolgen. Zwei Zeithorizonte bildeten sich hierbei meist heraus: Für die ersten 15 Jahre bis 1985 traute man sich manchmal noch, konkrete Zahlen anzugeben, aber bis zur Jahrtausendwende, 30 Jahre in die Zukunft, allerhöchstens vage. Rein technisch sah man bei Antriebssystemen große Chancen für die Gasturbine in LKWs und Lokomotiven, die die als zu schwergewichtig betrachteten Dieselmotoren verdrängen sollten. Die Frage für den Antrieb der Zukunft schlechthin galt aber als ungelöst, bei sämtlichen Möglichkeiten wie Elektroantrieb, auch mit Brennstoffzelle, wägte man die Vor- und Nachteile ab, aber ohne echte Festlegung auf eine dieser Technologien. Manch einen hielt es allerdings nicht davon ab, sich weit aus dem Fenster zu lehnen: Karl Ludvigsen umschrieb 1969 sein Bild von einer automobilen Welt, in welcher General Motors für das Modellprogramm nur noch zwei Gasturbinen bereithalten Sympathien vereinigte übrigens schon damals der Hybrid auf sich, allerdings zeigen aktuelle Bewertungen, daß dieser kaum einen Fortschritt erbringt, da entsprechende Fahrzeuge meist mehrere 100kg schwerer sind als Vergleichsmodelle und sich dadurch Verbrauchsvorteile reduzieren. Um übrigens die Lärmbelastung begrenzt zu halten, schlug man vor, verstärkt großvolumige Motoren einzusetzen, da diese im Stadtverkehr bei sehr niedrigen Drehzahlen betrieben werden können. Um die Innenstädte noch weiter zu entlasten, sah man im verstärkten Einsatz von Personen-Förderbändern eine praktikable Lösung, die mit einer Länge von 2 bis 15 Kilometern City und dezentral liegende Parkzonen verbinden sollten. Die Antriebsseite zu betrachten, wäre selbstverständlich zu kurzsichtig - Gedanken über das Fahren in der Zukunft zogen viel weitere Kreise. Ludvigsen beispielsweise sinnierte über für Karosserien geeignete Werkstoffe, und kam zum Schluß, daß fast nur Kunststoffe die kommenden Anforderungen erfüllen könne. Demnach werden “Wagenkonstruktionen entstehen, die sich je nach Bedarf ... verändern lassen”. Denkbar wären ohne weiteres Materialien mit selbstheilenden Eigenschaften - “... ein Kunststoff, der es dem Wagenbesitzer möglich macht, irgendwo im Aufbau ... eine Tür herauszuschneiden, sie dann wieder einzusetzen und zuzusehen, wie sich die Naht allmählich von selbst wieder zu einer glatten Oberfläche zusammenschließt.” Dem Motorrad wurde eine glänzende Zukunft vorausgesagt, da zum einen der ansteigende Trend zur Individualisierung richtig erkannt wurde, zum anderen der Umstand, daß Kraftfahrzeuge in großem Umfang als Freizeit- und Sportgeräte eingesetzt werden. Freizeit und Sport stimmen - doch nicht auf zwei, sondern auf vier Rädern. Bei der Sicherheitstechnik war man sich 1970 erstaunlicherweise noch nicht im Klaren darüber, wie wirksam Kopfstützen tatsächlich sind. Auch wurde neben dem Sicherheitsgurt weitere Maßnahmen ernsthaft vorgeschlagen, wie ein Kippsitz, dessen unteres Sitzkissen bei Auffahrunfällen nach oben klappt und den Fahrer dadurch zurückhalten soll. Ausführlich diskutiert wurden zu diesem Zeitpunkt bereits automatische Fahrzeugführungssysteme, die verschiedene Teilfunktionen aufweisen sollten, wie die Unterstützung bei Überholvorgängen, das Erkennen von Hindernissen auf dem Fahrweg zusammen mit dem Ergreifen entsprechender Maßnahmen sowie die Ausschaltung der menschlichen Unzulänglichkeiten wie Fehleinschätzungen bei Bremswegen und Kurvenfahrten, oder der physiologisch bedingten Reaktionszeiten. Es gab dazu tatsächlich schon Prototypen: Continental ließ auf einer Teststrecke ein Strichacht-Modell ohne Besatzung seine Kreise ziehen ... Die automatische Fahrzeugführung sollte ansonsten aber zuerst in Fernlastzügen Anwendung finden und keinesfalls vor 1985 realisierbar sein. Daß auch eine Zielführung für ortsunkundige Fahrer irgendwann kommen könnte, wurde thematisiert, aber weder hinsichtlich Zeitpunkt noch geeigneter Technologie fester umrissen. Für manch einen sich an Wahrsagerei versuchenden, besonders weitsichtigen Schreiber allerdings befand man sich um 1970 an einem besonderen Wendepunkt. So heißt es im Aufsatz "Sachzwang und Freiheit als Determinanten der Zukunft" (als Vorwort in einem Band über nationale und internationale Verkehrsentwicklung): "Das Kennzeichen der Lebensbedingungen in unserer Welt ist das schnelle wirtschaftliche Wachstum in den hinter uns liegenden zwei Jahrzehnten, ... [es] zeigt [heute] nahezu Züge einer autonom gewordenen Entwicklung. Ihr Beschleunigungskoeffizient ist größer als der des menschlichen Bewußtseins, das auf die Fülle des technisch-wirtschaftlichen Angebots mit Unsicherheit reagiert." Wie wir ja heute wissen, ist das menschliche Bewußtsein noch weitaus strapazierfähiger, als zu jener Zeit geschätzt. Mittels des vom Menschen selbst geschaffenen Internets nutzen beispielsweise viele Individuen die Gelegenheit, eine zusätzliche, diesmal allerdings virtuelle, Identität aufzubauen. Wie sehr sich genau dieser Trend nun intensivieren wird, bleibt abzuwarten, begrenzt wird das Unterfangen allerdings dadurch, daß es kaum möglich sein wird, im Laufe von Jahrtausenden durch Evolution hervorgebrachte Verhaltensweisen abzuschütteln. Auch dieses wurde vom Schreiber des Aufsatzes sofort erkannt: "Auf Grund der Erkenntnis, daß die Im August 2005 beträgt die Gesamtfahrleistung meines 280 SE bisher 342.000 Kilometer, für die einfache Fahrt zum Mond würden nach bisher 34 Jahren Reisezeit also immer noch 42.000 fehlen. Damit ergibt sich auch die Erkenntnis, daß bei einer geschätzten Durchschnittsgeschwindigkeit von 50 km/h alle bisherigen Fahrer (zu 96% die Erstbesitzerin) in diesem Auto ca. 285 volle Tage ihres Lebens in dem Auto verbrachten; bei Annahme von zehn Stunden Fahrzeit täglich kommt man auf 684 Tage. Legt man den Verbrauch auf 15 Liter/100 km, verloren 51.300 Liter Treibstoff ihre Energie und ihren Aggregatzustand; auch wurde mindestens 626 mal getankt. Ich sehe mich übrigens als eine Art Übergangsbesitzer an (aus seiner Sicht: Lebensabschnittsfahrer) und hege die Vermutung, daß mich mein 280 SE überleben wird - blaue Automobile sind schließlich etwas ganz Besonderes. Kandinsky schrieb über diese Farbe: “Je tiefer das Blau wird, desto tiefer ruft es den Menschen in das Unendliche, weckt in ihm Sehn- sucht nach Reinem und schließlich Übersinnlichem. Es ist die Farbe des Himmels.”
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